5 Schlüssel-Momente, die ich als Lektorin immer wieder beobachte

Man schaut so sehr auf die großen, die größten, die allergrößten Meilensteine – aber wie schade wäre es, wenn die leiseren Schlüssel-Momente auf der Autor:innen-Reise unbemerkt vorüberziehen würden? Manche verändern ein Manuskript grundlegend. Andere verändern vor allem den Menschen, der es geschrieben hat. 

Nicht immer ist es in dem Moment sofort klar, was da passiert. Umso deutlicher wird es in der Rückschau: Da gab es einen Schlüssel-Moment und eine Tür, die er aufgeschlossen hat.  

Hier sind fünf dieser Türen, die mir in meiner Arbeit als Lektorin immer wieder begegnen.

Die Tür zum Geschichtenerzählen – auch im Sachbuch

Gerade Sachbuch-Autor:innen beginnen ihr Buchprojekt vor allem aus dem Wunsch heraus, Wissen weiterzugeben. Da gibt es Menschen mit beeindruckender Expertise, einem reichen Fundus an Wissen und Erfahrungen, der vielbeschworene Erfahrungsschatz. Doch einfach nur die Truhe zu diesem Schatz zu öffnen, alles herauszunehmen und auf dem Boden auszubreiten, respektive: auf Papier niederzuschreiben, fühlt sich oft … flach an. Das spüren viele beim Schreiben intuitiv.

Bis sich eine Tür öffnet – mit dem wunderbaren Schlüssel des Storytellings. Das ist ein Moment der Erkenntnis für Sachbuch-Autor:innen, der mich jedes Mal aufs Neue freut. Die Erkenntnis, dass auch sie eine Geschichte zu erzählen haben. Dass mit dem Durchschreiten dieser Tür die Texte plötzlich ganz anders fließen. Dass sie nicht einfach nur Wissen dokumentieren, auflisten, in Worte fassen, sondern ein Buch schreiben.

Geschichten beschränken sich nicht nur auf Fiktion. Sie sind ein universales Ausdrucksmittel, tief integriert ins Menschsein an sich. Informationen alleine bleiben selten im Gedächtnis – erst Geschichten bauen eine Brücke, dass die Lesenden die Informationen überhaupt aufnehmen, sich merken, sie integrieren und umsetzen.

Ich sehe das an mir persönlich als Leserin ebenfalls: Die Sachbücher, die ich besonders gerne mag, die mich voller Begeisterung Seite um Seite weiterblättern lassen, sind nie nur eine bloße Auflistung von trockener Information.

Zu beobachten, wie meine Autor:innen die Tür von der bloßen Informationsweitergabe zum erzählenden Schreiben durchschreiten, gehört zu den schönsten Momenten meiner Arbeit mit Lektorat Papiervogel. 

Die Tür zur Form – von der Zettelsammlung zum tragfähigen Gerüst

In der gemeinsamen Arbeit zwischen Autor:in und Lektorin geschieht dann etwas Faszinierendes: Wo anfangs noch ein chaotischer Schreibtisch voller Ideen war, entsteht … ein Buch! 

Diese Tür durchschreiten die Autor:innen, die ich redaktionell begleite, schon nach relativ kurzer Zeit. Und sehen dann die Strecke vom Grundgerüst zum fertigen Buch umso klarer vor sich. Ein Schwellen-Moment, der trägt und beflügelt und so viel Kraft verleiht.

Die Tür zur eigenen Stimme – und zu der Erkenntnis, dass alles bereits da ist

Ein schöner Schwellen-Moment sowohl für Sachbuch- als auch Roman-Autor:innen – der sich nicht immer als großer Aha-Moment präsentiert, sondern meistens im Hintergrund wirkt, während des laufenden Lektorats-Prozesses. Mit jeder Anpassung wächst das Vertrauen, dass wir im Lektorat freilegen, was bereits da ist: die besonderen Stärken des entstehenden Buches, seine Anziehungskraft für die Lesenden, die eigene Stimme als Autor:in.  

Die Lektorats-Anmerkungen, die Korrekturen, von Grobschliff bis Feinjustierung – das alles ist keine Wertung, keine Kritik und auch kein Beschränken deiner künstlerischen Freiheit. Mit dem Handwerkszeug öffnet sich der Raum, dass dein Buch wirken kann. Wer sich darauf einlässt, in den Werkzeugkoffer zu greifen und das Handwerkszeug einzusetzen, wird reich belohnt. Von eben diesem Schwellen-Moment, in dem du deine eigene Stimme als Autor:in umso deutlicher hörst. 

Wir machen dein Buch noch mehr zu sich selbst. Das ist das Herz und der Kern meiner Arbeit mit Lektorat Papiervogel.

Die Tür zu deinem Selbstverständnis – und einem Teil deiner Identität als Autor:in

Manchmal verändert die Arbeit am Manuskript nicht nur den Text, sondern auch den Blick auf das eigene Schreiben. 

Viele meiner Autor:innen kommen voller Unsicherheiten im Gepäck. „Mache ich das alles überhaupt richtig?” „Wie geht das, aus meinem Rohmanuskript ein fertiges Buch machen?” „Darf ich mich überhaupt schon Autor:in nennen?”

All diese Fragen sind ganz normal. Teil der Reise. Ein Buch schreiben und veröffentlichen, das ist eine große Sache, das macht fast niemand einfach mal so nebenbei. Und erst recht lässt es so gut wie niemanden unberührt.

Und doch wird aus dem vorsichtigen Fragen und Herantasten irgendwann ein starkes, sicheres: „Ich weiß, warum ich dieses Buch geschrieben habe.” Es wird selten in Worten so ausgesprochen – aber ich als Lektorin spüre die Transformation in der gemeinsamen Arbeit, vor allem in Projekten mit mehreren Durchgängen. Und auch mich berührt es jedes Mal aufs Neue.

Die Tür zur eigentlichen Reise – denn das Wort „Ende” war erst der Anfang

Es ist für viele Teil des Rituals: Unter die letzte Manuskript-Seite wird feierlich das kleine, aber so bedeutungsvolle Wörtchen „Ende” gesetzt. Es steht auf der buchstäblich letzten Seite, manchmal auch noch im veröffentlichten Buch. Also fühlt es sich auch im Erstentwurf oft schon an wie das Ende einer Reise. 

Für mich ist es hingegen die erste Seite eines neuen Kapitels. Denn hier beginnt das Abenteuer erst so richtig. Das Überarbeiten, das Fragenstellen, das gemeinsame Weiterdenken. Die Arbeit am Text: aus dem Manuskript ein Buch machen. 

Zwischen dem Beenden des ersten Entwurfs und dem Moment, wenn du zum ersten Mal dein frisch veröffentlichtes Buch in der Hand hältst und aufschlägst, liegt so viel Aufregendes! So viel Wegstrecke. So viele Weggabelungen und Schwellen-Momente. 

Welche Türen haben sich für dich auf der Reise aufgeschlossen – und was war der Schlüssel?

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